Jahrzehnt der Entdeckungen
Das Schicksal der Synagoge von Reichenbach (Dzierżoniów) in Schlesien
1875 – 2008
W. John Koch
Reichenbach, am Fuße der Hohen Eule / Góry Sowie gelegen, war eine der größeren Kleinstädte Schlesiens. Es war eine verhältnismäßig wohlhabende Stadt mit, bis zu Hitlers Machtübernahme, einer jüdischen Gemeinde von etwas über einhundert Mitgliedern. Zusammen mit seinen Nachbarorten Langenbielau / Bielawa und Peterswaldau / Pieszyce bildete Reichenbach das Zentrum der schlesischen Textilindustrie. In Peterswaldau brach im Juni 1844 der schlesische Weberaufstand aus, der von Gerhart Hauptmann in seinem Drama Die Weber verewigt wurde.
Etwa 25 km östlich von Reichenbach liegt die Bergbaustadt Waldenburg / Wałbrzych, wo ich im Jahr 1925 geboren wurde. 1936 zogen wir nach Breslau um. 1943 wurde ich Soldat und geriet nach Fronteinsatz in Russland in amerikanische und später in französische Gefangenschaft. 1946 entflohen, studierte ich nach 1947 in Würzburg. Im Frühjahr 1954 wanderte ich nach Edmonton im Westen Kanadas aus, wo ich noch heute lebe. Dort las ich Mitte der 1950er Jahre, dass wie fast alle Steinkohlengruben auch die nahe der Stadt Nordegg an den Osthängen der Rocky Mountains vor der Schließung stand. Die Stadt wurde 1910 von dem deutschen Unternehmer Martin Cohn gegründet, der den Namen Martin Nordegg angenommen hatte.

Martin Nordegg geboren 1868 als Martin Cohn in Schlesien
40 Jahre nach meiner Ankunft in Kanada habe ich Nordegg besucht. In dem kleinen Museum entdeckte ich die lebensgroße Photographie eines Mannes zu Pferd; wie der Titel besagte, war dies: “Martin Nordegg geboren 1868 als Martin Cohn in Schlesien.” Zu dieser Stunde begann mein Jahrzehnt der Entdeckungen, aus dem eine Biographie Martin Nordeggs hervorgehen sollte. Daneben habe ich mich auf die Geschichte der jüdischen Gemeinde seines Geburtsorts Reichenbach / Dzierżoniów konzentriert. Da ich selbst aus einer schlesischen Kohlenbergbaustadt kam, war ich an der Herkunft von Martin Nordegg sehr interessiert.
Martin Nordegg wurde 1868 als Martin Cohn in Reichenbach geboren. Sein Vater Moritz Cohn war der jüdische Prediger in der dortigen Synagoge. Nordegg ist 1906 nach Kanada ausgewandert und ließ sich nach dem Ersten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten nieder. Er hat in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Reisen nach Europa und um die ganze Welt unternommen, doch nach Reichenbach ist er nur ein einziges Mal zurückgekehrt. Bei meinen Recherchen für die Nordegg-Biographie habe ich in den Archiven der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Salt Lake City Teile der nach 1945 geretteten Akten der Synagoge entdeckt. Nach diesen war Moritz Cohn 1859 aus Rawitsch / Rawicz in der vormaligen preußischen Provinz Posen als Prediger an die Synagoge in Reichenbach berufen worden, dessen jüdische Gemeinde 1821 wieder gegründet worden war. Die erste Aufgabe für Moritz Cohn war die Aussöhnung der bis vor kurzem in Orthodoxe und Reformierte gespaltenen jüdischen Gemeinde. Sein Erfolg dabei spiegelt sich in der von ihm inspirierten Synagogenordnung von 1863 wieder. Im Jahr 1875 weihte Moritz Cohn die neuerbaute stattliche Synagoge der blühenden Gemeinde feierlich ein. Nach 31 Jahren treuen Dienstes trat er 1890 in den Ruhestand und verließ ein Jahr später Reichenbach. Kurz danach verstarb Moritz Cohn in Berlin.
In den Memoiren und im Nachlass Martin Nordeggs gibt es keine Informationen über seinen Vater. Während nach 1945 keine Verwandten Nordeggs mehr am Leben waren, konnte ich bei Gesprächen mit den zahlreichen Angehörigen seiner zweiten Frau Sonja geb. Meisel feststellen, dass diese nicht wussten, dass ihr berühmter Verwandter Sohn eines Rabbiners war.
Nachdem ich meine Nordegg-Biographie 1996 beendet hatte, wandte ich mich der Geschichte seiner Heimatstadt zu. 1998 entdeckte ich im Internet das Bild eines stattlichen Hauses in der Nähe von Reichenbach, das mich an das Geburtshaus meiner Großmutter erinnerte. Es handelte sich nicht um das vermutete Haus — 100 Meter davon stand das tatsächliche Geburtshaus meiner Großmutter — aber es brachte mich mit dem jungen Deutschen Volker Tobias in Verbindung, dessen Vorfahren aus Langenbielau stammten. Volker fuhr regelmäßig nach Schlesien und machte mich darauf aufmerksam, dass die Synagoge noch in Reichenbach zu finden sei.
1999 fuhren meine Frau und ich zusammen mit Volker nach Reichenbach. Ich war tief berührt vom Anblick der Synagoge, einer von nur dreien in Schlesien, die weder von den Nazis in der Kristallnacht verbrannt oder zerstört, noch in den Hitlerjahren bis zur Unkenntnis verändert worden waren. Das Gebäude war jedoch nicht zugänglich.
Die zweite Entdeckung an diesem Tag war der ebenfalls verschlossene, aber offenbar unberührte jüdische Friedhof der Stadt. Eine Tafel an der Synagoge war der Schlüssel zu der Frage, warum dieses Bauwerk die Nazijahre und die Kristallnacht überstanden hatte. Es war der Name Konrad Springer und die Aussage in polnischer Sprache:
„Diese geschichtsträchtige Synagoge wurde 1875 erbaut und diente bis zum Jahr 1937 der jüdischen Gemeinde. Sie wurde von der Nazi-Verwaltung der Stadt an den Gärtner Springer verkauft, der die Synagoge im Jahr 1945 dem Verband der Polnischen Juden von Rychbach kostenfrei übergab. Die mosaische Konfession nutzte die Synagoge bis in die 1980er Jahre. Danach stand die Synagoge leer und ungenutzt und dem fortschreitenden Verfall überlassen. Um diesem Einhalt zu bieten, beschlossen die Jüdische Gemeinde und der Verein der Freunde von Dzier?oniów, das Gebäude in ein Museum des Dzierżoniówer Landes zu gestalten.“
Zugang zum jüdischen Friedhof fand ich durch Mojżesz Jakubowicz, den letzten in Reichenbach verbliebenen Juden ( eine kleine Anzahl von Juden lebte in den umliegenden Ortschaften ). Jakubowicz hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den zahlreichen vormaligen jüdischen Bewohnern und deren Nachkommen, die zu Besuch nach Reichenbach zurückkehrten, als Führer zu helfen. Ich konnte auf dem Friedhof das unbeschädigte Grab von Martin Nordeggs Mutter Auguste Cohn geb. Teplitz entdecken, die am 17. Oktober 1890 verstorben ist.
Jakubowicz war mit dem Deutschen Konrad Springer befreundet, der den jüdischen Friedhof als Totengräber, Gärtner und inoffizieller Bewacher betreut hatte und mit seiner Familie bis 1957 im Torhaus des jüdischen Friedhofs lebte. Wie Konrad Springer zum Besitzer der Synagoge wurde, ist bis heute in allen Einzelheiten nicht völlig geklärt. Der erste Gedanke, der mir kam, war „wie konnte ein einfacher Gärtner mit einer großen Familie und einem bescheidenen Einkommen es schaffen, zum Besitzer der Synagoge und des Friedhofs zu werden?“
Nach Unterredungen mit Reiner Springer, Enkelsohn von Konrad Springer, anderen Familienmitgliedern und einer Anzahl. von Reichenbachern, die nach Kriegsende für die Rote Armee arbeiteten und bis in die fünfziger Jahre in Reichenbach verblieben waren, kam ich zu den folgenden Schlüssen:
Irgendwann im Jahr 1937 kam Konrad Springer zu einer vertraulichen Vereinbarung mit mehreren noch wohlhabenden Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die Konrad Springer mit den notwendigen Geldmitteln versorgten, um die Synagoge und den jüdischen Friedhof als seinen Besitz zu erwerben. Das Ganze geschah, nach Angaben von Horst Dzierżon, Sohn des damaligen Bürgermeisters, mit dem stillschweigenden Einverständnis des Bürgermeisters Kurt Dzierzon und einiger Mitglieder des Stadtrates. Eine öffentliche Versteigerung der zwei jüdischen Grundstücke wurde anberaumt. Das Erstaunliche geschah, dass bei der Versteigerung niemand anderes bot oder sonst irgendwie versuchte, diese wertvollen Grundstücke an sich zu reißen. Auf jeden Fall steht es fest, dass Synagoge und Friedhof Konrad Springer als anscheinend einzigem Bieter zugeschlagen wurden und er deren Besitzer wurde.
So waren durch Konrad Springers Mut und Tatkraft in der Kristallnacht am 9. November 1938 die Synagoge und der jüdische Friedhof nicht mehr in jüdischem Besitz und blieben daher unversehrt.
Durch Mojżesz Jakubowicz konnte ich bis zu dessen Tod im Jahr 2003 zahlreiche Kontakte knüpfen, aus denen zum Teil echte Freundschaften entstanden sind. Zu diesen gehört Susi Klein geb. Kamiński aus Los Angeles. Sie war 1930 mit ihren Eltern von Beuthen / Bytom nach Reichenbach umgezogen. Als die Familie in der Stadt ankam, um ihr vorher durch einen Makler erworbenes Haus zu beziehen, zog die Stadtverwaltung den Kaufvertrag zurück, als bekannt wurde, dass die Kamińskis Juden waren. Da sie als Juden auch sonst in der Stadt keine Wohnung finden konnten, bot die jüdische Gemeinde den Kaminskis die leer stehende Predigerwohnung in der Synagoge an, in der Martin Nordegg aufgewachsen war. Josef Kaminski eröffnete sein Bekleidungsgeschäft nahe dem Ring, kümmerte sich aber auch um die Synagoge und schuf in leerstehenden Räumen eine Jugendherberge für jüdische Wanderer und Sportler.
Susi half mir mit ihren Erinnerungen über die jüdische Gemeinde von Reichenbach und ihre Kindheit in der Synagoge, die in der Kristallnacht endeten. Die SS brach in der Nacht in die Kaminskische Wohnung in der Synagoge ein und zerrte Amalie Kamiński und ihre Kinder Susi und Heinz, alle drei in Schlafanzügen, auf den Hof und trieb sie von da weiter durch den Schnee in die Cohn Villa, wo die anderen Juden der Stadt schon zusammengetrieben worden waren. Josef Kamiński war mehrere Wochen vorher von der Polizei verhaftet und nach dem Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden. Einige Zeit nach der Kristallnacht wurde er als ehemaliger Offizier des Ersten Weltkriegs aus dem Lager entlassen und kehrte geschwächt und seelisch verstört nach Reichenbach zurück. Im Jahr 1939 gelang es der Familie Kamiński, nach Bolivien auszuwandern. Es war eine traurige Ironie, dass die unversehrte Synagoge im Jahr 1939 als Dienststelle des lokalen HJ Bannführers auserwählt wurde.
Mit der Hilfe von Mojżesz Jakubowicz konnte ich auch Licht in die Nachkriegsgeschichte von Reichenbach bringen. Demnach strömten sofort nach Kriegsende Tausende von der Roten Armee befreite Juden aus den zahlreichen Außenlagern des Konzentrationslagers Groß Rosen im Kreis Reichenbach, zu denen auch die unterirdischen Großbaustellen im Eulengebirge gehörten in die Stadt, die nun für die nächsten zwei Jahre den Namen Rychbach tragen sollte. Mit Duldung der kommunistischen Regierung in Warschau, die für eine Weile sogar an eine erste jüdisch-sozialistische Stadt dachte, wurde Rychbach zu einer überwiegend jüdischen Stadt von10 000 bis 15 000 Einwohnern mit einem blühenden kulturellen Leben. Die ansässigen deutschen Einwohner wurden nach dem Potsdamer Übereinkommen bald ausgesiedelt außer einer größeren Anzahl, die für die Rote Armee in der Hilbertmühle arbeiteten, die fast die gesamte sowjetische Armee mit Mehl zum Brotbacken versorgte. Sie verließen Reichenbach um 1957. Ihnen folgten in den 1960er Jahren wegen der antisemitischen Maßnahmen der Warschauer Regierung bis auf eine winzige Anzahl alle Juden der Stadt.
Nach dem Tod von Jakubowicz konnte ich erst Ende 2007 feststellen, dass die Geschichte der Synagoge in Reichenbach weitergeht. Damals habe ich erfahren, dass die Synagoge von der 2004 gegründeten Fundacja Beiteinu Chaj – 2004 / Stiftung Unser Haus Lebt – 2004 gekauft wurde, die sich der Bewahrung der Synagoge widmet und sie zu einer Stätte der Begegnung und Bildung entwickeln will. Initiator des Projekts ist Rafael Blau. Er hat als Kind von KZ-Überlebenden sechs Jahre seiner Kindheit in Reichenbach verbracht und lebt seither in Israel, verbringt aber einen großen Teil des Jahres in Dzierżoniów. Dank seiner Initiative hat sich am Ort sogar wieder eine kleine jüdische Gemeinde gebildet, die einen Klub aus den Rychbach-Jahren als ihr Gemeindezentrum benutzt.
Im Mai 2008 lernten meine Frau Maria, Volker Tobias und ich Rafael Blau persönlich kennen. An diesem denkwürdigen Tag, an dem wir unser Wissen über die Synagoge und ihre Gemeinde austauschten, entdeckte ich zu meiner Freude, dass die Synagoge nun von einem Zaun umgeben war. Auch durch neue Schlösser an den Türen war die Synagoge vor Eindringlingen geschützt. Meine Gedanken gingen zu Martin Nordegg und Susi Klein, die ihre Kindheit in diesen leeren Räumen verbracht hatten.
An diesem Tage wurde mir bewusst, dass ich endlich Menschen gefunden hatte, die am Schicksal der Reichenbacher Synagoge interessiert sind und mit denen ich mein über zehn Jahre angehäuftes Wissen teilen konnte. Seit unserem Treffen mit Rafael Blau ist weiteres Leben in die Synagoge eingezogen. Schüler der Stadt haben die Synagoge von Schutt und Schmutz befreit; elektrisches Licht ist installiert worden, und im September 2008 wurde ein Tag der Synagoge mit einer Ausstellung begangen, zu der zahlreiche interessierte Besucher gekommen sind.
Im Frühjahr 2009 wurde eine illustrierte Broschüre veröffentlicht, die die Geschichte der Synagoge und die Ziele und die Tätigkeit der Stiftung Unsere Heimat Lebt – 2004 beschreibt.
Die Arbeit geht weiter. Ich habe bei meinen Recherchen ein Foto gefunden, das die von zahlreichen Gläubigen besuchte Synagoge zeigt. Es ist nicht zuletzt dieses Bild, das mich dazu bewegt, die Reichenbacher Synagoge Menschen in Deutschland nahezubringen, die mit der polnischen Bevölkerung Schlesiens das gemeinsame Kulturgut bewahren wollen. Dass dieses vom Verfall bedrohte Stück europäischer Kulturgeschichte noch existiert, ist in Deutschland praktisch nicht bekannt, obwohl viele Kulturdenkmäler durch die gemeinsame deutsch-polnische Kulturarbeit gerettet oder rehabilitiert worden sind. Ich glaube, dass der Tag näher kommt, an dem dieses geschichtsträchtige Bauwerk zu neuem Leben erwacht. Damit wird auch das reiche, heute fast vergessene jüdische Leben der Stadt und ihrer Umgebung erneut in unser Bewusstsein rücken.
Im Jahr 2009 haben in der Synagoge Dichterlesungen, Liederabende und Ausstellungen stattgefunden. Am 18./19 September 2009, dem jüdischen Neujahr Rosh Hashanah werden über 50 Juden der ehemaligen Gemeinde aus den 60er Jahren nach Dzierżoniów zu einem Wiedersehenstreffen kommen. Vor diesem Tag wird der seit Jahren zugemauerte Haupteingang der Synagoge aufgebrochen und durch neue Türen ersetzt. Zusammen mit den anwesenden Gästen des Treffens wird sich die kleine Gemeinde in der alten Synagoge von Reichenbach / Dzierżoniów zum ersten Gottesdienst in 30 Jahren versammeln.
Nachtrag November 2009
Seit der Fertigstellung der obigen Geschichte sind mehrere Entdeckungen gemacht worden. Lesen Sie darüber in: Jakob Egit und die jüdische Gemeinde nach 1945
© W. John Koch
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Tel.: +1 (780) 436-0581
Fax: +1 (780) 430-1672
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URL: http://wjkochpublishing.com/
Der Autor dankt den folgenden ehemaligen Reichenbachern für ihr Interesse und Hilfe mit Erinnerungen an ihre alte Heimat:
Mojżesz Jakubowicz (verst.), Reiner Springer, Susi Klein, Klaus Fehr, Rafael Blau, Rosemarie Schmidt, Fritz Hilscher, Horst Dzierżon, Wolfgang Seidel, Horst Buchmann, Hans Joachim Fehst, Wolfgang Höntsch, Michaela Deuchler, Rosemarie Tietz.


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