Jakob Egit und die jüdische Gemeinde nach 1945

Jakob Egit
Wer oder was bewog so viele Tausende von jüdischen Überlebenden aus den Konzentrationslagern nach Reichenbach, nun Rychbach genannt, zu kommen und dort innerhalb kürzester Zeit eine blühende jüdische Gemeinde aufzubauen?
Dank eines Hinweises eines Nachkommen der bekannten Familie Cohn haben wir endlich eine definitive Antwort auf die obige Frage gefunden.
Die unter den ehemaligen und jetzigen Bewohnern von Reichenbach / Dzierżoniów allgemein verbreitete Vermutung, dass die Überlebenden aus den Außenlagern des KZ Groß Rosen, die in den Fabriken um Reichenbach, Langenbielau und Peterswaldau, sowie im Eulengebirge / Góry Sowie, in Hitlers Großprojekt Riese Zwangsarbeit leisten mussten, spontan nach dem nahen Reichenbach strömten, weil es unzerstört war, stimmt nicht.
Wie wir nun wissen, war dies keine spontane Massenwanderung von aus den obigen Konzentrationslagern von der Roten Armee befreiten Juden. Die Überlebenden folgten dem Ruf von Jakob Egit, einem jüdischen Sowjetsoldaten, der 1908 in Borysław geboren war.

Rychbach - Büro vom Bund
Sofort nach dem Waffenstillstand am 8. Mai 1945 begann Jakob Egit mit der Verwirklichung seines Projekts, ein Yishuf, eine jüdischen Ansiedlung nach dem Modell des künftigen Staates Israel, in Niederschlesien mit der Stadt Reichenbach, nun Rychbach und zwei Jahre später Dzier?oniów, als Zentrum zu schaffen.
Was Egit motivierte war der Entschluß, „zur Vergeltung und zur Gerechtigkeit eine Ansiedlung von jüdischen Menschen auf dem bisher deutschen Boden Niederschlesiens zu schaffen“. Zunächst realisierte sich unter der energischen Führung von Jakob Egit, der großzügigen Unterstüzung der Roten Armee und der wohlwollenden Duldung der Regierung in Warschau der Aufbau dieses jüdischen Gemeindewesens schnell. Es entwickelten sich jüdische landwirtschaftliche Kooperative, Schulen, Krankenhäuser, Waisenhauser, Rehabilitationszentren, Theater, Zeitungen und ein Verlagshaus. Als es aber klar wurde, dass Jakob Egit auf ein semi-autonomes jüdisches Staatswesen mit Jiddisch als seiner Verkehrssprache in Niederschlesien zu zielen schien – es war dies tatsächlich das einzige Beispiel eines wieder entstehenden jüdischen Gemeinwesens im Nachkriegspolen – verweigerte die kommunistische Regierung in Warschau jegliche weitere Unterstützung und Jakob Egit wurde verhaftet. Die jüdischen Einwohner begannen bald, Polen zu verlassen und emigrierten hauptsächlich nach Israel, den USA und nach Argentinien.

Grand Illusion
Jakob Egit wurde 1950 aus dem Gefängnis entlassen und gab danach eine jiddische Zeitschrift heraus. Im Jahr 1957 wanderte er nach Kanada aus und wurde bald ein prominentes Mitglied vom Torontos jüdischer Gemeinde. Im Jahr 1991 veröffentlichte er seine Autobiography Grand Illusion, das einzige Zeugnis der Geschichte der jüdischen Ansiedlung von Rychbach / Dzierżoniów. Er verstarb im Jahr 1996 in Toronto.
Das Buch Grand Illusion ist seit mehreren Jahren vergriffen. Mitglieder der Stiftung Beiteinu Chaj – 2004 befassen sich mit dem Gedanken an eine Neuausgaben des Buches in deutscher, englischer und polnischer Sprache.
© John Koch 2009


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