Jüdische Gemeinde
Die jüdische Gemeinde von Reichenbach
Reichenbach / Dzierżoniów Synagoge - 1946
Die Frühzeit jüdischen Lebens in Reichenbach ist ins Dunkel gehüllt. Wir wissen nur, dass wie in anderen Städten Schlesiens im Spätmittelalter die Juden vertrieben wurden und wahrscheinlich in die größeren Städte Schlesiens flüchteten, in denen streng überwachte Ghettos bestanden. Aber die größte Zahl wanderte in das Königreich Polen aus, wo die Juden in relativer Freiheit lebten und sich ein blühendes jüdisches Gemeinde- und Kulturleben entwickeln konnte.
Mit den 1807 beginnenden Reformen des Freiherrn von Stein gewannen die im Königreich Preußen ansässigen Juden das Bürgerrecht. Was dies für die Stadt Reichenbach bedeutete, ist in den Akten der Reichenbacher Synagoge, eingetragen von einem Gemeindemitglied zu finden:
Gottesdienst in der Synagoge - 1955
„Wie die meisten jüdischen Gemeinden Nieder- und Mittelschlesiens durch die Verfolgungen und Austreibungen des Mittelalters ihre Existenz eingebüßt haben und erst durch den humaneren Geist der neuesten Zeit am Anfang unseres Jahrhunderts zu neuem Leben erwacht sind, so erging es auch unserer jüdischen Gemeinde. Mit der Erteilung des Bürgerrechts an die Juden anno 1811 wurde diesen das Recht eingeräumt, die alten Judenviertel in den privilegierten Ortschaften zu verlassen und sich über die ganze Provinz zu verbreiten. So ließen sich auch hier [in Reichenbach] anno 1815 einige jüdische Familien nieder und trieben Handelsgeschäfte. Durch verstärkten Zuzug fühlten sie sich anno 1823 bereits so kräftig, dass sie sich zu einem Gemeindewesen vereinigten und für Kultus- und Religionsunterricht besondere Einrichtungen trafen. 1825 kauften sie ein Stück Ackerland zum Friedhof, auf welchem bereits 1826 die erste Beerdigung stattfand.
Die Gemeinde bestand zur Zeit aus folgenden Mitgliedern:
Kaufmann – F. Naphtali
Kaufmann – Heller
Kaufmann – Nehemias
Destillateur – Lax
Destillateur – L. Naphtali
Handelsmann – B. Neuländer
Handelsmann – A.D. Hirsch
Handelsmann – A. Stern
Handelsmann – Matthias Cohn
Wer zur Zeit hier als Kultusbeamter fungierte, lässt sich nicht feststellen. Erst am Ausgang der 30er Jahre begegnen wir Herrn Mayer Ölsner als Cantor, Schächter und Religionslehrer, der jedoch schon 1841 von einem Herrn Breslauer abgelöst wurde. Die damalige Reformbewegung des Judentums ging auch an der hiesigen Gemeinde nicht spurlos vorüber. Denn als Ende der 40er Jahre dieselbe auf 22 Mitglieder anwuchs, verlangten dieselben nach einem modernen, mit Chor und deutschen Gebeten verschönten Gottesdienst. Aber da jedoch die Alten auf Änderungen nicht eingehen wollten, so führte diese Uneinigkeit zur Trennung der Alten von den Freisinnigen. Die ersteren unter Herrn Löbel Naphtali verblieben im Besitz des Gotteshauses und des Gemeindeeigentums und behielten ihren Prediger. Der andere Teil der Gemeinde richtete sich einen eigenen Gottesdienst ein und berief Herrn Heinrich Schwarz aus Rawitsch, der mit musikalischem Rahmen einen Gottesdienst mit Chor und Predigt organisierte.
Jüdischer Friedhof - Reichenbach / Dzierżoniów
Nach über vierjähriger Spaltung vereinigten sich beide Richtungen unter Beibehaltung der modernen Einrichtungen. 1959 verließ Schwarz den hiesigen Platz und an seiner Stelle wurde Herr Moritz Cohn aus Rawitsch berufen als Prediger, Religionslehrer, Schächter und Cantor. Während dieser Zeit hat sich die Gemeinde wesentlich verstärkt, so dass es ihr gelang, sich eine neue Synagoge zu errichten, die am Vorabend des Shawet 1875 eingeweiht wurde. 1884 wurde hier unter Beteiligung der ganzen Gemeinde das 25jährige Jubiläum des Herrn Moritz Cohn feierlich begangen. Infolge geschwächter Gesundheit legte Herr Cohn im September 1889 sein Amt nieder und die Gemeinde belohnte seinen langjährigen treuen Dienst mit einem Ruhegehalt von 900 Mark jährlich. Als dessen Nachfolger wurde im Juli 1889 Herr Jacob Bär aus Königsberg/Preußen bestimmt.
Von diesem ist auf Anregung des Vorstandsmitgliedes Herrn Jacob Engel diese Chronik angelegt worden.“ [Fußnote 1]
Auguste Cohns Grabstein - Reichenbach / Dzierżoniów
Die Reichenbacher Gemeinde, der eine Anzahl der wohlhabenden Fabrikbesitzer und Kaufleute der Stadt angehörten, war bis zum 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübenahme Hitlers ein blühendes Gemeinwesen. Aber zu dieser Zeit bereits hatte die Gemeinde keinen eigenen Prediger mehr, und in den Räumen, in denen Moritz Cohn mit seiner Familie von vier Kindern gelebt hatte [Fußnote 2] , wohnte nun die Familie Klein aus Beuthen, die durch einen Agenten vor ihrem Weggang aus Beuthen ein städtisches Reihenhaus in Reichenbach erworben hatte. Als die Familie im Jahr 1930 in Reichenbach eintraf und die Stadtverwaltung erfuhr, dass es sich um eine jüdische Familie handelte, wurde der Vertrag für das Reihenhaus von der Stadtverwaltung zurückgezogen. Daraufhin nahmen Josef und Amalie mit ihren Kindern Susi und Heinz dankbar das Angebot der jüdischen Gemeinde an, in der ehemaligen Wohnung des Predigers zu leben. Herr Klein, ein rühriger Geschäftsmann und treues Gemeindemitglied, richtete in einem neuen Anbau der Synagoge eine jüdische Jugendherberge ein, die gern und oft genutzt wurde.
"Möge Gott unsere Gebete erhören" - Teil der hebräischen Worte - 1987
Irgendwann vor 1938 wurde die Synagoge mit ihrem Grundstück von der Stadt Reichenbach versteigert und von Herrn Konrad Springer erworben, der seit einigen Jahren den jüdischen Friedhof betreute. Dies erschien nur möglich durch geldliche Hilfe für Konrad Springer durch verschiedene jüdische Gemeindemitglieder. Auch dürfte es notwendig gewesen sein, dass der damalige Bürgermeister Kurt Dzierżon und wahrscheinlich zwei oder drei Stadträte von diesen Versuch, die Synagoge vor der Beschlagnahmung durch die Nazis zu retten, im Bild waren und stillschweigend duldeten. Jedenfalls überbot bei der Versteigerung niemand das Gebot von Konrad Springer, der so zum Besitzer des Bauwerks wurde.
Als in der Kristallnacht vom 9. zum 10. November 1938 praktisch alle Synagogen Deutschlands zerstört und verbrannt wurden, blieb die Reichenbacher Synagoge, wahrscheinlich als nur eines von drei jüdisches Gotteshäusern in der Provinz Schlesien, als „nichtjüdisches Eigentum“, unangetastet. Aber Amalie Kleine und ihre Kinder Susi und Heinz wurden in ihrer Nachtkleidung von der SS aus ihrer Wohnung hinausgeworfen und durch den Schnee zur Cohn Villa getrieben, wo bereits die anderen Juden der Stadt versammelt worden waren. Herr Klein war schon vor mehreren Wochen von der Polizei verhaftet und nach dem Konzentrationslager Buchenwald überführt worden. Ein paar Wochen nach der Kristallnacht wurde er, wahrscheinlich als ehemaliger Offizier des Ersten Weltkriegs, entlassen und kehrte körperlich und seelisch zermürbt zu seiner Familie zurück. Bald danach wanderte die Familie Klein nach Bolivien aus. [Fußnote 3]
Die Synagoge blieb unberührt, aber es war eine traurige Tatsache, dass Anfang 1939 die Hitlerjugend in die Synagoge einzog, die von da an bis 1945 als Quartier des Reichenbacher Bannführers diente. Jedoch, nach dieser ruhmlosen Periode sollte die Synagoge wieder zu neuem, zu jüdischen Leben erwachen!
Aus Reichenbach wird Rychbach und danach Dzierżoniów
Reichenbach wurde erst am Tage des Kriegsendes 1945 von der Roten Armee besetzt, die in der Umgebung Reichenbachs in den zahlreichen Außenlagern des Konzentrationslagers Groß Rosen Tausende von überlebenden KZ Opfern befreite, die bald nach dem unzerstörten Reichenbach strömten. Zu ihnen gesellten sich Juden aus anderen Lagern in Ostdeutschland und in Polen. Hier entstand eine blühende jüdische Stadt, die nun den Namen Rychbach trug, mit einer Synagoge, einem Klubhaus, mit Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Zeitungen und Theatern. Die Anzahl der damals ansässigen Juden schwankte von 17 500 in den unmittelbaren Nachkriegsjahren und 6 000 und 3 500 in den Jahren 1950 bis 1968.
Innerhalb weniger Tage nach dem Waffenstillstand wurde in der Synagoge wieder Gottesdienst abgehalten. An ihrer Außenmauer wurde eine Tafel angebracht, die den Verdienst Konrad Springers als Retter der Synagoge anerkennt:
Familie Springer - 1936 - Konrad Springer ganz rechts
„Diese historische Synagoge wurde im Jahr 1875 erbaut und diente der jüdischen Gemeinde bis zum Jahr 1937, als die nationalsozialistische Stadtverwaltung das Gebäude enteignete und dem Gärtner K. Springer verkaufte, der es ohne irgendwelche Forderungen dem Kreis polnischer Juden in Rychbach übergab.“
Die 1945 wieder eröffnete und wieder geweihte Synagoge diente dem Mosaischen Glauben bis zum Jahr 1980. Aber schon in den 1960er Jahren begannen die jüdischen Bürger Polen zu verlassen und siedelten sich hauptsächlich in Israel und den Vereinigten Staaten an. Als um 1980 die Gemeinde nur noch ganz wenige Mitglieder hatte, wurde die Synagoge geschlossen.
Die Synagoge war dem Verfall preisgegeben, bis die Stiftung Beiteinu Chaj – 2004 / Fundacja Beiteinu Chaj – 2004 ihr Werk der Rettung der Synagoge begann.
© John Koch 2009
- Verschiedene Akten und Register aus der Synagoge wurden auf Mikrofilm übertragen und befinden sich jetzt in den Archiven der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Salt Lake City, USA. [↩]
- Moritz Cohn verstarb am 25. Februar 1891 in Berlin. Moritz Cohn und seine Frau Auguste geb. Teplitz hatten vier Kinder: Theodor emigrierte als junger Mann nach England; Julius fiel als junger Soldat im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71; die einige Tochter, Malwine Joel geb. Cohn, kam in einem Konzentrationslager ums Leben; Martin emigrierte nach Canada im Jahr 1906, wo er an den Osthängen der Rocky Mountains Kohlelager entdeckte und entwickelte; er baute ein Kohlenbergwerk zusammen mit einer Stadt für zweitausend Menschen. die nach Martin Nordegg genannt wurde (Martin änderte seinen Namen von Cohn zu Nordegg in Jahr 1909). Die Stadt Nordegg trägt Martins Namen bis in die Gegenwart. Martin Nordegg war bis zu seinem Tode (1948 in New York) ein bekannter, geachteter Unternehmer und Wohltäter. [↩]
- Susi Klein geb. Kamiński lebt heute in Los Angeles. [↩]




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